Kellerpsychologie.Ist.Nicht.Küchenpsychologie

Kellerpsychologie. Ist. Nicht. Küchenpsychologie.

  • Ich kann es nicht glauben.
  • Sie ist wirklich zu, die verdammte Tür.
  • Mein Herz hämmert.

Wie damals. Gleich wird das Licht ausgehen. Zwei Meter sind es bis zum Schalter. Zwei Meter, die sich in mich eingebrannt haben, dass ich sie, nur traue ich mich nicht, mit geschlossenen Augen in der Finsternis gehen könnte. Ich sinke auf den eiskalten Kellerfußboden. Hocke da. Warte. „Ich bin erwachsen, „flüstere ich, „erwachsen, verdammt.“
Holger Meerbach, der Schrecken meiner Kindheit, lebt schon lange nicht mehr hier. Und wenn wäre es egal. Auch er ist lange erwachsen. Vielleicht immer noch ein Arschloch und stärker als ich. Aber, dass er heute noch Freude daran hätte, kann ich mir nicht vorstellen. Meine Angst zu fühlen, meine Ohnmacht. „Ich bin jetzt erwachsen, “ sage ich etwas lauter als mein Herz klopft.

Es riecht wie damals in diesem Keller. Nach seiner Pisse und meinem Angstschweiß. Den Kartoffeln, die wir einkellerten. Hier habe ich die Angst, nein, die Panik kennen gelernt. Guten Tag, ich bin Sieben. Er war Acht. Heute schlägt er vielleicht seine Frau, wenn er eine hat oder seinen Sohn, vielleicht, so wie sein Vater ihn damals verdrosch. Den Gürtel aus der Hose geholt. Hose runter: Den kleinen nackten Po über das erwachsene Knie gelegt. Dem Bengel, dem prügele ich ein, was sich gehört! Rotzlöffel, wirst schon sehen, wer der Herr im Haus ist!

  • Heul ruhig!
  • Du Wurm!
  • Flenn ruhig!
  • Du Mädchen!
Ein Kinderbild mit einem Jäger und zwei Sonnen
Dann kommt dich der Jäger holen
Kinderbild mit Mädchen, Jäger und zwei Sonnen
mit dem Schießgewehr

Ich hatte sie gehört, Holgers Schreie und hatte es Mutti erzählt. Doch die sagte: „Kind, das geht uns nichts an. Er wird es verdient haben.“ Dass sie dann lachend „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder,“schmetterte, möchte meine Phantasie mich glauben machen. Das ist natürlich Unsinn, Erinnerung, Du bist ein seltsames Ding. „Du sollst mit denen doch nicht spielen, weißt Du doch, “ sagte sie. Vielleicht hatte er es verdient.
Er schlug mich nicht, er sperrte mich nur ein, manchmal stundenlang und saß vor der Tür und lachte. Ich weinte und flehte, er solle mich rauslassen. Holger sagte:“ P wie Pisse, pah wie Pusteblume, Dich hört keiner.“

„Bitte, flehte ich, „ich hab Dir doch nichts getan.“ Er lachte nur. Um bestraft zu werden, musst Du doch nichts tun. Du musst nur am falschen Ort sein. Das reicht völlig. Ich bettelte. Versprach, niemandem etwas zu sagen. „Ich habe nichts gesehen. Gar nichts,“ schwor ich. Ich log schlecht, im Lügen wurde ich erst später besser, heute bin ich ein Profi, das können Sie mir ruhig glauben. Damals glaubte ich mir selber nicht. Natürlich hatte ich alles gesehen. Seinen Hintern. Die Striemen. Seine Tränen auch.
Warum musste ich auch unbedingt an dem Tag, als sein Vater, der Busfahrer, nach einer Tour, die drei Wochen dauerte, nach Hause kam, an der Tür läuten?  Ich weiß es nicht. Die angesammelten Sünden, über die Mutter Meerbach Buch führte, wurden gründlich aus den Kindern rausgeprügelt. Meistens, ein Grund fand sich immer, danach auch aus ihr. Ich hatte die Schreie doch schon vorher gehört.

  • Nein!
  • Bitte!
  • Nicht!
  • Bitte!

Warum klingelte ich? Ich wollte doch gar nicht mit Holgers Schwester spielen. Frau Meerbach öffnete die Tür, ich roch ihren Nikotin-Atem und ihren Hühnersuppen-Schweiß. Sah ihn, der schon vorher gemein war, aber nicht der Schrecken meiner Kindheit, über dem Knie. Sah den Gürtel. Das verzerrte Grinsen des Busfahrers. Holgers Tränen verschmiertes Gesicht. Sah die Angst, die Scham in seinen Augen. Und er sah mich. Das hat alles verändert. Meine Kindheit, mich. Seine Mutter flüsterte: “Geh man besser. Martina ist nicht da,” und schloss die Tür.

„Ich bin jetzt erwachsen, verdammte Scheiße, “ rufe  ich lauter als mein Herz klopft. Sie hat einfach die Tür verriegelt. Sitzt sie davor, so wie er damals? Beate ist meine beste Freundin. Es war meine Idee, noch einmal in das Mietshaus, in dem wir wohnten, zu gehen. Aber so? Doch nicht so. Sie hatte versprochen, mich im Keller nicht alleine zu lassen. Ich höre, wie sie aufschließt. Langsam, betont langsam, gehe ich, betont ruhig an ihr vorbei. Ich schaue sie nicht an. Stelle nur stumm die Fragen:

  • Was sollte das?
  • Warum tust Du das?
Ein Seilspringendes Mädchen Kinderbild
Verdammt, ich habe Dir doch vertraut.

Verdammt, ich habe Dir doch vertraut. Böse sieht sie aus, als sie sagt: „Um etwas hinter Dir zu lassen, musst Du es noch einmal durchleben. Das ist nur gut für Dich.“ Du dämliche Schlampe, das ist Kellerpsychologie, denke ich. Wäre es nicht meine Angst, würde ich lachen. So aber bin ich so kalt wie der Kellerfußboden auf dem die Kartoffeln überwintern.

Weitere Geschichten schenke ich Euch unter Hauptsache-Geschichten! und wer mehr über andere Dämonen lesen will, ist richtig bei: Kämpfen mit Dämonen

 

Fremd- eine Frage der Perspektive(n)

Mal keine Fremde Wellen, sondern eine Anthologie des ForumWort, die entsteht! Euch/Sie erwarten: Berührende, nachdenkliche, fantasievolle und böse Texte zum Thema #Fremd […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst Du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen